Eine Erfindung aus Belgien kam vor einigen Jahren nach Sachsen-Anhalt: das „Radeln nach Zahlen“, fachlich auch als knotenpunktbezogene Radwegweisung bezeichnet. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Statt einzelne, benannte Routen zu beschildern, erhält jeder wichtige Kreuzungspunkt eines Radwegenetzes eine eigene Nummer, und Radfahrer wählen ihre Strecke, indem sie sich von Knotenpunkt zu Knotenpunkt durchnavigieren.
Im nördlichen Sachsen-Anhalt schlossen sich dafür zwölf Einheits- und Verbandsgemeinden aus dem Landkreis Stendal und dem Jerichower Land zusammen, darunter auch die Lokale Aktionsgruppe „Elb-Havel-Winkel“, die sich im Nordosten des Bundeslandes zwischen Elbe und Havel um zukunftsweisende Projekte kümmerte. Gefördert wurde die Zusammenarbeit über das EU-Programm LEADER.
Für Radfahrer bedeutet ein solches System vor allem eines: weniger Zeit mit dem Studium unübersichtlicher Straßenkarten und mehr Zeit auf dem Rad selbst. Wer sich einmal mit der Logik der Knotenpunkte vertraut gemacht hat, kann eine Tour in wenigen Minuten planen, unabhängig davon, ob die eigentliche Strecke zehn oder fünfzig Kilometer lang sein soll.
Dieser Beitrag erklärt, wie das System funktioniert, welche Gemeinden beteiligt waren und wie weit die Umsetzung inzwischen fortgeschritten ist.
Auch wenn das System selbst keine LEADER-Erfindung ist, zeigt seine Einführung im nördlichen Sachsen-Anhalt, wie europäische Förderprogramme oft weniger neue Ideen erfinden, als vielmehr bewährte Konzepte aus anderen Regionen Europas nutzbar machen, dokumentiert unter anderem in der Übersicht zu Förderdokumenten und Richtlinien dieser Seite.
Ein belgisches Prinzip für den Radtourismus
Das Prinzip der knotenpunktbezogenen Wegweisung stammt ursprünglich aus Belgien und hat sich dort seit den 1990er-Jahren als Standard für den Freizeitradverkehr etabliert. Anders als bei klassisch benannten Themenrouten orientieren sich Radfahrer an weißen Zahlen in einem roten Kreis, die an jedem wichtigen Kreuzungspunkt angebracht werden. Eine Tour lässt sich dadurch flexibel als Abfolge von Nummern planen, etwa „von 23 über 17 nach 9“, statt sich an eine vorgegebene, fest benannte Route zu halten.
Für ländliche Regionen mit einem bereits bestehenden, aber uneinheitlich beschilderten Wegenetz bietet dieses System einen praktischen Vorteil: Es lässt sich auf vorhandene Strecken aufsetzen, ohne dass neue Wege gebaut werden müssen, lediglich die Beschilderung und die dazugehörigen Karten müssen neu entwickelt werden.
In Belgien selbst ist das System so stark etabliert, dass viele Freizeitradler ihre gesamte Tour ausschließlich anhand der Knotenpunktnummern planen, ohne auf klassische Straßennamen oder Ortsschilder angewiesen zu sein. Für Besucher aus Regionen ohne ein solches System wirkt diese Art der Orientierung zunächst ungewohnt, erweist sich in der Praxis aber meist schon nach der ersten Tour als intuitiv. Selbst wer die Region nur einmalig besucht, kann sich damit innerhalb kurzer Zeit eine eigene Route zusammenstellen, ohne auf ortskundige Begleitung angewiesen zu sein.
Zwölf Gemeinden, ein gemeinsames Projekt
Für das nördliche Sachsen-Anhalt schlossen sich 2016 zwölf Einheits- und Verbandsgemeinden aus dem Landkreis Stendal und dem Jerichower Land zu diesem bislang in Sachsen-Anhalt einmaligen Pilotprojekt zusammen. Die Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land übernahm in den ersten drei Jahren die Koordinierung des Vorhabens, während die Erfolgsgeschichte zur knotenpunktbezogenen Wegweisung auf dieser Dokumentationsseite den Ablauf im Detail beschreibt.
Dass Radwege keine künstlichen Gebietsgrenzen kennen, war dabei ausdrücklich Teil der Motivation: Eine gemeinde-übergreifende Lösung ergibt für Radfahrer deutlich mehr Sinn als zwölf getrennte, möglicherweise inkonsistente Beschilderungssysteme. Die Zusammenarbeit unter den Kommunen, die das Projekt erforderte, wurde dabei selbst als Nebeneffekt der eigentlichen touristischen Zielsetzung gewertet.
Eine solche gemeinde-übergreifende Zusammenarbeit war für die beteiligten Verwaltungen zugleich ein eigenes kleines Lernprojekt: Beschilderung, Kartenmaterial und Zuständigkeiten mussten zwischen zwölf unterschiedlichen Kommunen abgestimmt werden, obwohl am Ende ein einheitliches, für Besucher nahtlos wirkendes System stehen sollte. Diese Abstimmung lag in den ersten drei Jahren bei der koordinierenden Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land, die damit eine über die eigene Gemeinde hinausgehende Verantwortung übernahm.
Wie das System den Radtourismus verändert
Der Elb-Havel-Winkel bringt für ein solches System gute Voraussetzungen mit: Die Region liegt sowohl am deutschlandweit bekannten Elberadweg als auch am Havelradweg und verfügt zugleich über eine Natur- und Kulturlandschaft abseits dieser großen Routen, die touristisch bislang als Geheimtipp galt. Das neue Wegweisungssystem erschließt genau diesen zweiten Teil der Landschaft systematisch, ohne auf bestehende überregionale Routen verzichten zu müssen.
Von dem System profitieren nach Angaben der damaligen Projektbeteiligten nicht nur auswärtige Gäste, sondern auch Bewohner der Region in ihrer eigenen Freizeitgestaltung, da sich mit Karte und Beschilderung auch bislang unbekannte Wege und Sehenswürdigkeiten leichter entdecken lassen.
Für die Lokale Aktionsgruppe „Elb-Havel-Winkel“, wie sie auf der Seite zur LEADER-Gruppe beschrieben wird, war das Projekt zugleich ein Beispiel dafür, wie touristische Infrastruktur und die alltägliche Lebensqualität der Bewohner durch dieselbe Maßnahme verbessert werden können, statt beides getrennt voneinander zu betrachten.
Vom Plan zur fertigen Beschilderung
Nach der Beauftragung eines Planungsbüros für die Entwicklung des Wegenetzes folgte eine zweite Projektphase, in der eine eigens gegründete Arbeitsgruppe die Umsetzung vorantrieb. Ein zentraler Baustein war dabei die Erstellung von Faltkarten, die Radfahrer unterwegs mitführen können, ergänzt um die eigentliche, einheitliche Beschilderung mit den charakteristischen weißen Zahlen auf rotem Grund.
Für die Arbeitsgruppe bedeutete das in der Praxis vor allem Abstimmungsarbeit: Welche Kreuzungen erhalten eine Nummer, wie werden Übergänge zwischen den Gebieten der zwölf beteiligten Gemeinden einheitlich gestaltet, und wie lässt sich das System später mit möglichst wenig Aufwand pflegen und erweitern. Diese organisatorische Vorarbeit war Voraussetzung dafür, dass die eigentliche Beschilderung später zügig und ohne größere Nacharbeiten installiert werden konnte.
Als Zielmarke für den Abschluss der Beschilderung im gesamten Projektgebiet war das Jahr 2021 vorgesehen. Einzelne beteiligte Kommunen begannen bereits während der Umsetzung damit, sich um die Finanzierung der benötigten Schilder zu kümmern, ein praktischer Hinweis darauf, dass ein gemeinde-übergreifendes Projekt dieser Art auch nach der zentralen Planungsphase noch viel lokale Abstimmung erfordert.
Auch wenn diese Dokumentationsseite seit 2023 nicht mehr aktualisiert wird, lässt sich aus den vorliegenden Angaben ableiten, dass die Umsetzung des Systems in die letzten aktiven Jahre der Lokalen Aktionsgruppe fiel, zeitlich vergleichbar mit anderen zuletzt abgeschlossenen Vorhaben wie der Erlebnisbrauerei in Schollene.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „Radeln nach Zahlen“?
Ein Wegweisungssystem, bei dem jeder wichtige Kreuzungspunkt eines Radwegenetzes eine eigene Nummer erhält, sodass Radfahrer ihre Route von Knotenpunkt zu Knotenpunkt planen können.
Woher stammt das System ursprünglich?
Aus Belgien, wo es sich seit den 1990er-Jahren als Standard für den Freizeitradverkehr etabliert hat.
Welche Gemeinden waren am Projekt im nördlichen Sachsen-Anhalt beteiligt?
Zwölf Einheits- und Verbandsgemeinden aus dem Landkreis Stendal und dem Jerichower Land, darunter die damalige LAG „Elb-Havel-Winkel“.
Bis wann sollte die Beschilderung fertig sein?
Für das Jahr 2021 war der Abschluss der Beschilderung im gesamten Projektgebiet vorgesehen.